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Atemarbeit nach Cornelis Veening
Irmela Halstenbach, 1990

Atem als ursprünglicher Lebensimpuls, kann ein Lehrmeister sein auf dem Weg zu sich selbst.
Es ist der fließende Atemstrom, vor jeder Bewusstheit, vor allem Wollen und Tun, in dem wir die Grundbedingungen unserer Natur auffinden können. Er verbindet uns mit der verlorenen Instinktnähe der Kindheit, mit einem Wissen, das vor allem Lernen ist.
Um diesen spontanen Atem zu erfahren, müssen wir auf ihn aufmerksam werden und uns seiner anordnenden Wirkung überlassen. Der Atem kommt von selbst. Wir können ihm Raum geben, sich zu entfalten. Das geschieht, wenn wir unsere Achtsamkeit nach innen wenden und wahrnehmen, was im Dämmer unbewusster Lebensprozesse vom Atem angesprochen und aufgehellt wird. Atemarbeit ist Leibarbeit. Unser Körper ist der untrügliche Spiegel der Bedingungen, die uns geprägt haben, der Träger unserer Seelengeschichte. Wenn wir uns dem Innenraum unseres Leibes zuwenden, finden wir dort all die Blockierungen, die unseren Atem- und Lebensraum einschränken. Es braucht Mut, in diese Bereiche hineinzuatmen, sie zu beleben und zum Ausdruck kommen zu lassen, was an altem Schmerz und abgewehrten Gefühlen wach wird. Bilder und Erinnerungen können aufsteigen und müssen neu verstanden und angenommen werden. Atemarbeit ähnelt darin der Arbeit am Schatten bei C.G. Jung. So können Schicht um Schicht Ablagerungen gelöst werden. Die darin gebundene Energie wird frei und kann im natürlichen Ausdruck wieder mitschwingen. Es ist eine Gleichzeitigkeit von Wahrnehmung und Geschehen, in der uns ein neuer Atem bewusst wird. Es ist das Spiel der Gegensätze in uns, dem wir Raum geben. Bewusstes und Unbewusstes, Körper und Seele durchdringen einander und werden zur Ganzheit, in der wir wach und gelöst zugleich teilhaben am Austausch der polaren Kräfte in uns und sie schöpferisch gestalten.
In dieser Innenwahrnehmung liegt eine Chance der Wandlung. Sie ist keine Technik, über die das Ich verfügen kann, sondern das Geschenk eines Augenblicks, in dem der Mensch ganz bei sich ist.
Im geduldigen Einüben, im Verzicht auf die Dominanz der Ichperson, im Tun ohne Tun – in solcher Hinwendung mehren sich die Augenblicke der Anwesenheit im Atem. Und darin baut sich die Substanz der Person auf. Es kommt zu einer Wiederbelebung von Spotaneität und Lebensfreude, die dem Kind oft zu früh genommen wurden. Gefühle können sich nun unmittelbar äußern, wenn sie als natürliche Impulse erlebt und zugelassen werden. Wo innerer Raum wieder gewonnen wurde und neue, erfüllte Leiberfahrung wächst, da entstehen neue und eigenständige Möglichkeiten, den äußeren Raum zu gestalten. Was innen bewusst geworden ist, strahlt nach außen. Es lässt uns die Welt mit wacheren Augen sehen und belebt unser Handeln. Atem verbindet das Innen und Außen. Die Rückkehr zu den Ursprüngen hat immer auch eine religiöse Dimension, in deren Tiefe eine neue Gottesbeziehung lebendig werden kann.